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Talk: So sein wollen wie Youtuber

12. April 2015

Letztens sah ich mir auf Youtube ein „Get Ready With Me“-Video einer Beauty-Bloggerin auf Youtube an. Ich folge einigen amerikanischen, britischen und englischen und auch deutschen Beauty-Bloggern auf Youtube und habe durch die Video-Plattform einiges gelernt, was Kosmetik und Schminken angeht. Ich liebe „What’s in my Bag“-Videos und ich sehe mir gerne Vlogs von Mädels an, die in London shoppen gehen oder abends mit ihrem Freund in fancy Ramen-Restaurants essen. Ich schätze es auch sehr, wenn ich durch die Vlogs einen Einblick in den Arbeitsalltag eines Youtubers oder Blogger sehe. Ich finde es schön zu sehen, wenn jemand viel Zeit in seinen Blog oder in seine Videos steckt.

In letzter Zeit frage ich mich aber immer öfters, worum es bei diesen Videos eigentlich geht. Unter dem oben genannten Get Ready With Me fanden sich die üblichen Kommentare (hier eine Auswahl):

„Kann ich bitte dein Leben haben, nur für einen Tag?“

„Oh mein Gott, du bist so perfekt!“

„Das Leben von Youtuber X: Bringt ein Buch heraus, hat eine eigene Kosmetik-Linie, hat einen bezaubernden Freund, macht Fotoshootings und hat einen erfolgreichen Youtube-Channel. Und mein Leben? Essen, schlafen, Internet und Schule.“

Nun, ich habe keine Statistiken von diesen Youtube-Kanälen aber ich glaube, dass ein Grossteil des Publikums junge Mädchen im Teenager-Alter sind. Die Kommentare haben mich gerade deshalb unglaublich traurig gemacht.

Ich habe im Teenager-Alter oft für Andere geschwärmt. Für Stars, für Serien-Charaktere und für Menschen, die scheinbar ein so tolles Leben hatten. Ich kenne das und ich denke, es ist gesund, bis zu einem gewissen Grad zu schwärmen. Es hört für mich nur da auf, wo man vergisst, was man selber hat.

Haben diese Youtuber wirklich so ein perfektes Leben? Können sie mehr als du und ich? Ich glaube nicht. Ich denke, dass viele dieser Youtuber (und ich spreche hier vor allem von den Daily Vloggern und oben genannten Beauty-Gurus) ihre Arbeit lieben und viel Zeit und Arbeit in ihre Videos investieren. Ich glaube aber auch, dass Youtube immer mehr zu einer Industrie wird. Firmen haben die Lunte mittlerweile gerochen und deshalb erscheint es mir als logische Konsequenz, dass all diese Vlogger plötzlich ein Buch schreiben oder eigene Produkte lancieren oder gar Tours veranstalten, wo Tausende von kreischenden Jugendlichen anstehen und Geld bezahlen, um ihre Idole sehen zu können. Es ist eine Entwicklung, die durchaus positiv sein kann. Ich glaube aber auch, dass so viel Ruhm für eine Person in ihren Zwanzigern ganz schön viel Verantwortung mit sich bringt und dass auch die am Profit beteiligten Firmen aufpassen müssen, wie sie diese Plattform nutzen. Und so wie ich das empfinde, nehmen viele Vlogger diese Verantwortung nicht ernst. Denn letzten Endes sind die Inhalte der Videos neutral. Sie bieten keinen politischen Zündstoff und sie verändern die Welt nicht. Sie sind vor allem dafür da, das Publikum zu unterhalten.

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Ich weiss, man schliesst die Person hinter der Kamera schnell ins Herz. Ich habe auch so meine Favoriten unter den Youtubern. Aber für mich ist klar, dass viele dieser Youtuber mittlerweile berühmte Persönlichkeiten sind und ich ihre Videos im Wissen ansehe, dass sie diese für eine Millionen-Audience kreiert haben. Wir haben keinen Vertrag, geschweige denn eine Freundschaft. Diese Beziehung läuft nur in eine Richtung, denn ich weiss, dass Youtuber X existiert aber der Youtuber weiss nicht, dass ich existiere. Und ich frage mich schon, wieso jemand das Leben einer Person haben möchte, von der man beispielsweise weiss, dass sie manchmal unter Angstzuständen leidet und mit psychischen Problemen kämpft.

Es ist schwierig zu erklären, warum mir die Kommentare unter den Videos von Daily-Vloggern manchmal so sauer aufstossen. Ich frage mich dann immer, ob diesen Personen nicht klar ist, dass essen, schlafen, Internet und Schule Dinge sind, die jeder in seinem Leben haben sollte. Ja, die Schule macht nicht immer Spass (ich habe mir die meiste Zeit am Gymnasium das Ende herbei gesehnt) aber ich bin dahin gegangen, damit ich heute da sein kann, wo ich hinwollte: Zu einem Bachelor-Abschluss der Uni. Und ja, vielleicht habe ich mit fast 24 Jahren keinen Youtube-Kanal mit 5 Millionen Abonnenten und vielleicht habe ich keinen Plan, wie meine Zukunft aussieht aber ich bin glücklich mit meinem Leben, das auf eine andere Art und Weise perfekt ist, arbeite an meiner Karriere und vergleiche mich nicht stets mit Bloggern, die einfach ein anderes Leben führen als ich.

Ich wünsche den Youtubern nichts Schlechtes. Ich sehe schliesslich auch nicht, was sie neben der Kamera machen. Ich weiss nicht, an wie vielen Meetings sie pro Woche teilnehmen und wie schwierig es ist, sich eine Audience aufzubauen und davon auch leben zu können. Und mir ist klar, dass die Klicks bei einem Video das sind, was verkaufte Platten für einen Musiker sind. Aber manchmal fürchte ich einfach, dass eben genau diese Dinge bei vielen Zuschauern nicht im Mindesten im Bewusstsein angekommen sind.

Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich den Beitrag „Sissi, die Youtube-Prinzessin“ auf NZZ Campus. Der Beitrag bietet interessante Ansichten von beispielsweise Professoren für Marketing und Medien, die über das Phänomen von Youtuber sprechen. Folgendes Zitat stammt beispielsweise aus dem erwähnten Beitrag:

„Anders als klassische Stars verkörpern die Youtuberinnen eine bekannte Lebenswelt: Sie haben ähnliche Budgets wie ihre Zuschauer, fragen sich bei der gleichen Mode, ob diese in den Alltag eines normalen Schulmädchens passe. Und sie sind erreichbar.“

Im Übrigen kann dieser Beitrag genau so auf andere Personengruppen angewendet werden. Blogger, Stars, you name it.

– Beitragsbild: pixabay.com

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5 Comments

  • Reply fabienne 12. April 2015 at 13:15

    Gut geschrieben. Habe mir bisher noch nie mehr gedanke darüber gemacht, da ich die youtube szene aussen vor lasse. Ist aber spannend deine gedankenwelt dazu zu lesen.
    fabienne veröffentlichte kürzlich: Review: Revlon Photoready Prime + Anti-Shine BalmMy Profile

    • Reply Maja 19. April 2015 at 11:25

      Danke! :)

  • Reply Christin 13. April 2015 at 23:34

    Ich denke, das Problem besteht in vielen Fällen darin, dass nicht genug Distanz und Transparenz gegeben sind.

    Zur Distanz: Kinder- und Teeniestars gab es schon immer, nicht erst seit den ’90ern. Aber mit ihnen gab es immer eine relativ klar definierte Star-Fan-Beziehung. Stars haben sich ausdrücklich bei ihren Fans bedankt. Manchmal hatte das Fandom einen Namen, zum Beispiel die Britney Army, aber es war relativ klar, dass die Lebenswirklichkeiten von Star und Fan außer bei Meet&Greets getrennt sind. Fans sind Fans, Stars sind Stars.
    Vor allem jüngere YouTuber verpassen diese Trennung aber oder verzichten bewusst darauf. So steht zum Beispiel in der Instagram-Bio der französischen YouTuberin enjoyphoenix „1,3 million d’amis, 1,3 million d’amours“. Mir als Erwachsener ist total klar, dass ich mit Marie nicht befreundet bin. Ist das aber auch allen 14-Jährigen klar? Ich habe Zweifel.

    Zur Transparenz: Die Beliebtheit der meisten YouTuber beruht darauf, dass ein ähnlicher lebensweltlicher Hintergrund angenommen wird. Allerdings ist auch der nur begrenzt gegeben. Kinder haben bis zum Alter von ca. 10-12 Jahren Schwierigkeiten, Fiktion und Realität in Büchern und TV-Serien klar zu trennen. Vor allem in Grenzbereichen wie YouTube, wo die Darsteller als normale Menschen auftreten, gehe ich davon aus, dass auch 14-Jährigen schlichtweg noch die Erfahrung fehlt, einzuschätzen, was nun wirklich real-real oder eben skript-real ist. Ist zum Beispiel wirklich immer klar, dass einige YouTuber eben nicht mehr in ihrem Zimmer auf dem Boden sitzen, sondern in einem Studio? Auch hier: ich habe Zweifel. Sind sich 14-Jährige schon bewusst, was Gate-Keeping für eine Medienpräsenz bedeutet? Ebenso Zweifel.
    Nur weil es so aussieht, als hätte jemand etwa den gleichen Hintergrund wie ich, heißt das noch lange nicht, dass ihm tatsächlich die gleichen finanziellen und technischen Mittel wie mir zur Verfügung stehen. Bei den großen YouTubern oder Bloggern ist das längst nicht mehr der Fall, auch wenn niemand darüber sprechen möchte.

    Ich find’s toll, was junge Menschen mit YouTube erreichen können und ich gönne es ihnen wirklich. Wie wir mit Ruhm umgehen möchten und ob bestimmte Gagen (auch bei Hollywood-Stars) wirklich in Ordnung sind, müssen wir als Gesellschaft klären. Bisher habe ich nur, ähnlich wie du, das Gefühl, dass sich die meisten YouTuber ihrer Verantwortung als Medienfigur weitgehend verweigern und ihre Rolle in diesem Medienwechsel entweder nicht erkennen können oder wollen.
    Christin veröffentlichte kürzlich: Rainbow Rowell: FangirlMy Profile

    • Reply Maja 19. April 2015 at 11:26

      Danke für deinen super interessanten Kommentar!

  • Reply Fleur De Force: Eyelure Lashes und The Glam Guide • Italian Nights 3. Oktober 2015 at 14:39

    […] habe im April einen mehr oder weniger kritischen Beitrag zu Youtubern geschrieben, der nun vielleicht ein bisschen im Gegensatz zu diesem Beitrag steht aber hey, ich […]

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