Persönlich Talk

Talk: Elend und Sympathie

16. August 2015

In letzter Zeit wache ich morgens auf und empfinde eine grosse Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass ich in einem Land lebe, das politisch stabil ist. Ich bin dankbar, dass in allen Bädern in unserem Haus Wasser aus dem Wasserhahn fliesst. Ich bin dankbar, dass ich raus auf die Strasse gehen kann und tun kann, was ich will. Ich bin dankbar, dass ich studieren kann. Ich bin dankbar, dass ich eine Ärztin habe, die sich um meine Krankheit kümmert. Ich bin so dankbar, dass in dem Land, wo ich lebe, kein Krieg herrscht.

Die Medien, Politiker und nicht zuletzt wir selbst haben Begriffe für die jetzige Situation gefunden. Asyldebatte. Flüchtlingswelle oder –zustrom. Wirtschaftsflüchtlinge. Asylgegner. Ich fand den Artikel „Von Menschen und Massen“ in diesem Zusammenhang sehr passend. In meinen Augen ist das, was zurzeit in Europa passiert, nur eines: Eine humanitäre Katastrophe, die horrende Ausmasse erreicht hat. Und wir alle tun viel zu wenig.

Jedes Jahr im Sommer wird ein Militärflugplatz in der Nähe von Luzern für ein paar Wochen zum Haupteinsatzflugplatz der Schweizer Armee. Das bedeutet, dass für mehrere Wochen sehr viel mehr Kampf-Flugzeuge über die Häuser fliegen. Das kann sehr laut werden. Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich denke: Muss das sein? Müssen die unbedingt jetzt fliegen? Wieso machen die so einen mega Lärm? Und dann denke ich: Wow. Schön, dass ich keine anderen Probleme habe. Denn nüchtern betrachtet könnte ich jetzt in einem Land sein, wo Krieg herrscht und der ohrenbetäubende Lärm eines F/A-18 würde bedeuten: Vielleicht bin ich in einer Minute tot.

Wir müssen aufhören zu glauben, dass wir irgendwas getan haben, um nicht in dieser Situation zu sein. Weder ich noch du haben etwas dafür getan, in diesem Land geboren zu sein. Unsere Nationalität ist das Resultat von Dingen, die in der Vergangenheit zwar so passiert sind, die aber genauso gut anders hätten passieren können. Wir Schweizer haben Glück, dass wir es so gut haben. Natürlich spielt die Wirtschaft eine Rolle und natürlich spielt die Politik eine Rolle aber es gibt so viele Faktoren, die nicht beeinflussbar sind.

Wenn ich mich so in meinem Zimmer umschaue, empfinde ich in letzter Zeit manchmal etwas Übelkeit. Ich habe so viel, viel zu viel. Und dann gibt es die Menschen, die vielleicht ebenfalls so viel hatten. Und dann explodierte vor ihrem Haus die Bombe und das war das letzte Zeichen, dass es Zeit ist, zu gehen. Wohin, geschweige denn wie man den Weg bewältigen soll, das sagt einem niemand. Und dann kommt man nach Europa und anstatt Hilfe zu erhalten, wird man zur Naturkatastrophe. Zu etwas, was niemand hat kommen sehen. Zu einer Last.

Es ist genug. Ich habe so viele Kommentare gesehen, bei denen es mir schlecht wird. Auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, habe ich einen flauen Magen. Woher kommt dieser Hass gegen Menschen, die einem nichts getan haben? Was hat eine Familie, die geflohen ist, damit zu tun, dass andere unzufrieden sind und sich sogar bedroht fühlen? Ich kann das Wort Asylgegner nicht mehr hören. All diese menschenfeindlichen Rassisten stellen eine wahre Gefahr für unsere Welt dar. Diese Menschen sind mit der Grund, wieso die Lage so schlecht ist und wieso ich zurzeit Mühe habe, stolz auf mein Land oder Europa zu sein.

In der Zentralschweiz wird – wie in der ganzen Schweiz – noch eine Lösung gesucht. Dabei wird vergessen, dass es eine Lösung als solches nicht gibt. Und dass niemand bereit ist, die Probleme dort zu bekämpfen, wo sie entstehen. Das Problem ist, dass so viele Menschen unsere Hilfe brauchen und wir sie ihnen verweigern. Weil wir lieber die Bürokratie dafür verantwortlich machen, dass wir keinen Platz finden. Weil wir die Last lieber aufs Nachbarland abwälzen (wie soll Italien mit der Situation klarkommen, wenn wir es selber nicht können?) und unsere Hände in Unschuld waschen. Die Gemeinden beschweren sich über die Vorgaben vom Kanton und vergessen dabei, dass sie der Kanton sind.

Worte sind nicht wirklich genug um die Ohnmacht zu beschreiben, die ich fühle. Ich habe das Gefühl, dass ich nichts tun kann gegen all dieses Elend und gegen all das Schlechte. Ich kann niemandem sein Zuhause zurückgeben. Ich kann niemanden sagen, dass alles gut wird, denn das wird es nicht. Nie wieder. Manchmal wenn ich Bus fahre, sitzen viele junge Männer drin, manchmal ganze Familien. Ganz in der Nähe von meinem Haus steht ein kantonales Asylzentrum, das seit sehr langer Zeit überbelegt ist. Ob ich jemals Probleme mit irgendjemanden aus diesem Haus hatte? Nein. Ich frage mich eher, wie Menschen unter solchen Umständen leben können. Deshalb macht es mir keine Angst, wenn im Bus viele Menschen sind, die vermutlich Asyl beantragen wollen. Es stimmt mich einfach nur traurig.

Was kann ich tun? Ich kann mich gegen die Leute in meinem Umfeld wehren, die rassistische und fremdenfeindliche Äusserungen machen. Ich kann spenden. Ich kann versuchen, aktiv zu werden. Aber das alles scheint nur ein Tropfen auf den heissen Stein zu sein. Ganz Europa – und die ganze Welt – sieht zu und tut viel zu wenig.

In einem Ethik-Kurs an der Uni haben wir immer wieder über die beiden Begriffe „empathy“ und „sympathy“ gesprochen. Es sind diese beiden Eigenschaften, die uns Menschen zu moralisch handelnden Wesen machen. Was ich mich bei den Geschehnissen der letzten Zeit immer wieder frage: Wie wird unser jetziges Verhalten auf uns zurück fallen? Alles hat Konsequenzen. Wir werden diese früher oder später erfahren.

Hier ein eindrückliches Video von Neil Gaiman, der Flüchtlingscamps im Jordan besucht hat.

Ein meiner Meinung nach guter Kommentar in der Aargauer Zeitung, mit dem Appell, sich in der Flüchtlingsdebatte wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

– Beitragsbild: pixabay.com

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2 Comments

  • Reply Christin 16. August 2015 at 14:37

    Ein sehr toller Beitrag <3

    Am Freitag waren Freunde hier. Einer davon ist Kurde und in Syrien aufgewachsen, er kam noch vor dem Beginn des arabischen Frühlings als Student nach Deutschland. Seine Brüder konnten ebenfalls als Studenten mit normalen Visa herziehen. Seine Eltern müssten Asyl beantragen. Er äußert sich selbst kritisch zu den Asylsuchenden und räumt ein, dass je nach ethnischer Gruppe einige tatsächlich nicht arbeiten möchten, sondern von einem Land mit höherem Lebensstandard versorgt werden möchten.
    Auf die Frage hin, ob er und seine Brüder die Eltern gern nachholen würden: "Ja natürlich. Aber das geht nicht. Auf legalem Weg können wir sie als Flüchtlinge nicht nach Deutschland bringen und alle anderen Wege sind zu gefährlich."

    Dass der Weg hierher nach Europa gefährlicher ist, als im Krisengebiet wohnen zu bleiben, sagt wirklich alles.
    Christin veröffentlichte kürzlich: Warum sind Menschen immer schwächer als Außerirdische?My Profile

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